Weltuntergang

So, Emopost jetzt. Aber sind wir ehrlich: wenn du jahrelang schwächelst und dann final umfällst, hast du keine Freunde mehr, bei denen du dich ausheulen kannst. “Fakten auf den Tisch” gehört auch zu meinem neuen Ich.

So. Als ich im Januar die Testergebnisse vom Doc bekam, war mir fast schlecht vor Angst. Ich hatte noch im Hinterkopf, dass die Behandlung entweder funktioniert oder eben nicht. Im Falle von “eben nicht” hätte das 4 Monate Antibiotika bedeutet. Nun beuteln mich die Spezialtabletten schon genug, ich wusste, Antibiotika hätte mich wieder in Grund und Boden gebeutelt. Das nachdem ich mühselig wieder so etwas wie Leben hatte, hätte ich psychisch nicht durchgestanden.

Nun interessierte das meinen Waschbär leider so gar nicht. Ich bat ihn im Vorfeld mehrfach, mit mir mitzukommen, wenn die Ergebnisse da sind. Er hat es da ein wenig an Begeisterung fehlen lassen, aber das ist verständlich. Warum um ungelegte Eier sorgen. Und das auch noch, bevor überhaupt Ergebnisse da sind. Außerdem war er ja im letzten Jahr zu genüge mit mir beim Arzt. Als die Benachrichtigungspostkarte – ausgerechnet an einem Freitag! – dann da war, bat ich ihn, einen Termin auszumachen. Es ist nämlich so, dass ich jederzeit Urlaub nehmen kann, er jedoch mit dem Hotel ziemlich eingespannt ist. Ich weiß nicht, wie´s euch geht, aber ich interpretiere mehrfaches Spontaneinschlafen als komplettes Desinteresse. Vor allem, wenn es mehrfach an zwei Tagen passiert.

Nun bin ich letztes Jahr durch die ganze Geschichte so gedemütigt worden (Danke, Frau Dr. W.. Danke, DAK), dass ich nicht darum betteln wollte, nicht alleine ins Sprechzimmer zu müssen. Also hab ich die Sache auf sich beruhen lassen und gleich Montag morgens beim Doc angerufen und Gottseidank gleich noch für den gleichen Tag einen Termin bekommen. Jeder Tag mehr Warten hätte mich in den Irrsinn getrieben.

Der Arzt erzählte mir dann, dass meine Laborergebnisse insofern spitze waren, als ich, was den Borrelienindex (fragt mich nicht, ich weiß es selbst nicht) angeht, von 50 auf 6 gesunken bin. Ergo, die Behandlung funktioniert. Das ist aber immer noch ein schlechter Wert. Die meisten seiner Patienten würden um den Dreh rum erst mit der Therapie anfangen.

Also wieder vier Monate Tabletten. Das alleine hat mich schon massiv runtergezogen, ich wusste einfach, dass mir ein erneuter Kampf bevorsteht. Buchstäblich, ich herxe von der ersten bis zur letzten Tablette und das ist alles, nur kein Spaziergang. Wenn´s auch ein gutes Zeichen ist.

Dass er mir weiterhin gesagt hat, dass meine Krankheit chronisch ist, hatte ich dann mehr so im Hinterkopf. Er hat mir sehr ausführlich erläutert, dass es im Grunde so läuft, dass ich mit Tabletten den Bakterienbestand auf Null bekommen kann. Dass die Dinger aber eben intrazellulär sind. Also eine der hartnäckigsten Krankheiten, die man bekommen kann. Falls also tatsächlich – was ansich unwahrscheinlich ist – tatsächlich alle gekillt sind, es durchaus sein kann, dass “schlafende” tief im Gewebe reaktiviert werden und die ganze Scheiße wieder und wieder und immer wieder ausbricht. Fakt: ich bin chronisch krank und werde nie wieder das sein, was ich mir persönlich unter “gesund” vorstelle. Ich habe das dem Waschbär dann natürlich alles gleich erzählt, ich kann alles, nur akute Gefühle verbergen nicht. Das Interesse war eher so mittelmäßig. Der Waschbär ist erstens Meister im Verdrängen und zweitens im “Aufschieben bis die Katastrophe dann tatsächlich da ist”. Ich beneide ihn darum, ich raube mir ziemlich viel Kraft, indem ich mir im Vorfeld massiv Gedanken mache und Pläne schmiede. Ich brauche immer einen Plan B und C und D, um mich sicher zu fühlen.

Als erstes galt es dann, die allererste, brutale Herx-Zeit durchzustehen. Ich nahm dann erst mal – halbtags – Urlaub. Ich wollte alles, nur nicht schon wieder arbeitsunfähig sein. So ein kleines bisschen festhalten am Strohhalm. Das hat auch gut funktioniert. Wenn ich morgens aufgestanden bin und es ging mir dreckig, hielt mich die Aussicht aufrecht, dass ich wenigstens nicht den ganzen Tag durchstehen müsste. Und ich hatte Ansprache und wenigstens das Gefühl, Teil der Gesellschaft zu sein. Das war mir unheimlich wichtig und hat mich auch getragen.

Dann nach einer Woche Vollzeit hat mich eine Mörder-Erkältung erwischt. Was für mich sogar ein gutes Zeichen war, ich war jahrelang immer irgendwie krank und nichts kam raus. Dass ich, wie alle anderen “normalen” Menschen auch, einfach nur eine Erkältung kriegen kann, war so wunderschön. Unfassbar, für was man alles dankbar wird.

Ich begann mich mehr und mehr zu verändern und fand das gut. Gleichzeitig mit dieser Selbstfindung kam die Erkenntnis, was dieses chronisch krank in allerletzter Konsequenz bedeutet. Es bedeutet nicht, dass mein Leben vorbei ist, sondern dass ich aufhören kann, immer nur auf Besserung zu warten. Dass ich eben das genieße, was ich habe. Das mag in anderen Augen vielleicht lächerlich klingen, aber eine Tasse Kaffee wirklich genießen muss und kann vor allem den Stadtbummel im Frühling ersetzen. Ich weiß nicht, wie die ganze Geschichte weitergeht. Ob ich tatsächlich im Mai, wenn meine vier Monate vorbei sind, tatsächlich einen gewissen Grad an “Fitness” erreiche. Wie lange es dauert, bis der Scheiß zurück kommt. Ob er überhaupt zurück kommt. Erstens stecke ich mitten in der Behandlung und zweitens kann ich den Verlauf eh nicht aufhalten oder beeinflussen. Und dann ganz wichtig: wenn ich durch die Lieblingskollegin etwas gelernt habe, dann, dass das Leben so verdammt kurz ist. Und dass es tatsächlich so ist, dass Gott laut lacht, wenn man ihm von seinen Plänen erzählt. Das Jetzt zählt.

Ich habe also verinnerlicht, dass ich den Alltag zelebriere. Dass ich mich um mich kümmern muss. Dass es mir verdammt gut gehen kann, auch wenn durch Krankheit und geschädigte Nerven mein Körper nicht so wirklich mitziehen mag. Dass ich mir mein Heim eben schön mache, weil ich das Draußen momentan? für immer? abschreiben kann. Mein Häuschen, so schön. So sicher. Mein Hafen und Kraftort.

Der Körper, der so viel hat mitmachen müssen und immer noch mitmacht, braucht spezielle Pflege und Aufmerksamkeit. Ich merke, dass ich für einen 100%-Job nicht die Kraft habe. Noch vor ein paar Wochen hätte ich das ignoriert. Ich hätte eben den Arbeitsalltag gewuppt und mich und mein Privatleben ignoriert. Dazu bin ich aber nicht mehr bereit. Wenn es eben Vollzeit nicht geht, dann Teilzeit. Ich will nicht so existieren, dass ich abends im Schlafzimmer liege, weil alle Nerven buchstäblich blank liegen (psychisch weil überreizt, körperlich mit Ataxie und/oder Übelkeit) und mich nur der Gedanke aufs Wochenende aufrecht hält. Weil ich dann da, nachdem ich den Haushalt, den ich unter der Woche nicht packe, genug Ruhe habe, um zu lesen oder mich auf mich zu konzentrieren. Dabei aber die ganze Zeit zu tot zum Telefonieren bin. Oder zum Bloggen. Geschweige denn, mal Bekannte zu besuchen. Es gibt jetzt kein “wenn ich wieder gesund bin” mehr für mich. Es gibt nur noch ein “wie hole ich das beste für mich aus den Gegebenheiten raus”. Also habe ich mich Anfang der Woche entschlossen, die Sache mit der Teilzeitarbeit anzuleiern. Ob es vielleicht die Möglichkeit der Befristung gibt. Wie viel das letztendlich netto ausmacht, all sowas. Und dann ernsthaft in Erwägung ziehen.

Donnerstag kam ich nach Hause. Der Waschbär verkündete, dass es einen Interessenten für unser Häuschen gäbe. Auch hier gilt: Fakten auf den Tisch. Das Haus gehört seiner Mutter. Zwar war immer wieder die Rede davon, dass wir es überschrieben bekommen, aber noch gehört es ihr. Es stand wohl schon immer im Raum, dass, sollte es jemals einen Interessenten geben, der den verlangten Preis zu zahlen bereit ist, das Haus verkauft wird. Das war/ist aber so utopisch, dass das nie ernsthaft im Raum stand und noch nicht mal mehr im Hinterkopf war.

Bäm! das Haus wird verkauft werden. Das Heim, das ich mir geschaffen habe und das mir soviel Sicherheit gibt.

Es gäbe die Option, Schwiegermamas Häuschen zu bekommen. Es ist alles, nur nicht altengerecht und mit Mitte 60 und ein paar Ersatzteilen in den Gelenken will sie was Neues für sich. Es ist im verhassten Nachbarlandkreis. Es ist häßlich. Ich will hier nicht weg. Aber finanziell wäre es so immerhin von Vorteil. Ich könnte weiter nach mir schauen und man kann alles zu seinem Heim machen. Blöder Zeitpunkt und von nicht vorhandenen Kräften für einen Umzug mal ganz zu schweigen, aber ein Plan B.

Nun ist es so, dass der Waschbär eben grundsätzlich anders an solche Dinge herangeht als ich. Schon zu Zeiten, als ich noch fit war. Er geht schonmal nicht davon aus, das dieser Interessent überhaupt die Finanzierung für unser Häuschen hinbekommt. Und selbst wenn, dann kauft man eben ein neues Haus. Also nicht dieses häßliche Reihenhaus, in dem seine Mutter gerade wohnt, sondern ein ganz eigenes, hübsches Häuschen. Wir bekommen einen Anteil an der Verkaufssumme und der Rest wird finanziert. Ein freistehendes Fachwerkhaus mit Garten. Und am Liebsten noch Anbau.

So ein kleines bisschen Weltuntergang war für mich, dass mein Hafen weg ist. Gerade, als ich nach Langem endlich, endlich wieder Lebensqualität hatte. Gut, das war eigentlich ein großer Weltuntergang. Ein weiterer Weltuntergang war, dass ich eben nicht Teilzeit arbeiten kann, weil ich eine Hausfinanzierung eben nicht so gechillt sehe, wie mein Optimistenbär. Der allerschlimmste Weltuntergang ist aber: die ganze Nummer jetzt läuft genauso wie die Sache mit dem Arzt. Ich bin tatsächlich absolut verzweifelt im Moment. Entwurzelt und das erste Mal überhaupt: hoffnungslos. Nicht mal mehr so sehr wegen der Wohnsituation, sondern weil der Waschbär mich einfach im Stich lässt. Weil er geradezu aggressiv wird, wenn ich hier verzweifle. Weil er sich einfach hinlegt und schläft oder vor den PC sitzt. Weil er total kühl mir gegenüber ist.

Ich weiß, dass wir im Moment so gar keine Pläne machen können, weil alles so dermaßen schwammig und im Anfangsstadium ist. Aber ich kann psychisch und physisch gerade nicht sachlich an die Sache herangehen. Absolut nicht. Und ich weiß auch, dass es seine Art ist, mit schlechten Dingen umzugehen, indem er sie einfach buchstäblich zu Tode ignoriert. Nur hilft mir dieses Wissen absolut nicht weiter. Im Gegenteil. Ich bräuchte jetzt einfach dringend einen Menschen, der mich in den Arm nimmt. Der sich meine Ängste anhört. Und der ein ganz kleines bisschen empathisch ist und mich und meine Sorgen ernst nimmt. Wenigstens einmal im Leben.

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