Veränderungen

Ich vermute mal, dass das nicht der einzige Artikel bleibt, der sich damit beschäftigt, wie ich mich verändert habe. Also im doppelten Sinn – sowohl persönlich als auch die Art und Weise.

Ich bin erwachsen geworden. Früher dachte ich immer, das sei das Schlimmste, das einem passieren kann. Jetzt bin ich froh. Ich mag den Menschen, der ich bin. Als “ich” habe ich mich nämlich nie wirklich wahr genommen. Da waren immer Menschen, deren Gefühle wichtiger waren als ich. Da waren Rollenbilder, die ich erfüllen wollte. Meine Bedürfnisse konnte ich schlicht deshalb nie erfüllen, weil ich sie nicht hatte. Oder spürte. Oder mir erlaubte, sie zu spüren. Whatever.

Ich nahm mir zwar oft vor, zukünftig egoistischer zu werden – egoistisch insofern, als ich zuallererst nach mir schauen muss, nicht egoistisch insofern, als andere unwichtig werden – habe das aber nie geschafft. Jetzt mache ich das automatisch. Ich muss nicht nachdenken oder mich zwingen, ich weiß schlicht und ergreifend, dass niemand für mich oder meine Gefühle verantwortlich ist. Genausowenig, wie ich für die Gefühle anderer zuständig bin. Früher habe ich ganz automatisch das gemacht, was den anderen glücklich macht. Einfach, weil ich besser wusste, was anderen guttut, als ich das von mir selber wusste.

Das Tolle daran ist ja, dass das ganz automatisch passiert ist. Ich habe das Häuschen umgestaltet. Mir ist gerade mehr nach cleanem Wohnstil, als nach Romantik. Und ich brauche Klarheit, aber auch Geborgenheit, also habe ich aufgehört, mit Kompromissen zu leben, sondern mir wirklich jede Ecke hier gemütlich und schön gemacht. Weil ich selbst Alltägliches so wirklich genießen und manchmal richtiggehend zelebrieren kann. Eine Zeitschrift beispielsweise liest sich in einer hübschen Leseecke mit Kerzenschein eben doch ganz anders. Ein Stück Lebensqualität.

Überhaupt, Zelebrieren ist mir mittlerweile sehr wichtig geworden. Das Leben ist so verdammt kurz und nichts, wirklich gar nichts, ist sicher. Was habe ich also davon, wenn ich meine Bodylotion von Chanel für die wirklich wichtigen Anlässe aufhebe, mich aber morgen der Schlag trifft? Eben. Ein paar Kerzen beim Duschen, anschließend genussvoll eincremen und schon ist der Abend etwas besonders. Selbst, wenn es nur ein Montag ist. Warum das teure Parfüm aufsparen, wenn man doch gerade im grauen Alltag gut Glamour braucht? Selbst morgens ins Büro gehen ist sagenhaft – nach einem halben Jahr, indem ich nicht mal an die Mülltonnen gehen konnte, ist das ein wunderbares Gefühl. Das teure Geschirr, die tollen Gläser im Schrank stehen lassen? Zu was? Orangensaft aus Weingläsern schmeckt nicht nur, sondern gibt ein gutes Gefühl. Und wenn´s zu Bruch geht – man kann es ersetzen. Lebenszeit und vor allem -qualität nicht.

Es ist glaube ich nicht mal diese Krankheit, beziehungsweise die Art und Weise, wie mit mir umgegangen wurde, die mich so traumatisiert hat (nicht nur), sondern das Wissen, dass unheimlich viel Zeit dadurch einfach verloren ging. Ich bin leider immer noch nicht mobil genug für Museumstouren oder selbst Kinobesuche. Aber ich genieße jeden Augenblick, einfach, weil er kostbar und einzigartig ist. Und schon allein, dass ich das kann, ist schon ein riesiger Fortschritt :D Nicht mehr abwarten, bis es besser wird, oder mir endlich jemand hilft, sondern genießen, leben und – hoffentlich – wieder ganz auf die Beine kommen.

“Erwachsen sein” heißt für mich: meine Naivität ist verpufft. Ich sehe vieles klarer, kann mich aber entscheiden, ob und wie ich die Welt an mich heranlasse. Nachrichten sind ein Jammertal. Aber indem ich das Leid der Welt auf mich lade, mache ich sie dadurch kein Stück besser. Ebenso habe ich jetzt endlich erkannt, dass der einzige Mensch, der für mich verantwortlich ist, ich bin. Wenn´s hart auf hart kommt, ist man eh auf sich allein gestellt. Es gibt keine Zauberfee, die kurz schnippt und alles gut macht. Nach mir selbst schauen heißt für mich Verantwortung tragen.

4 comments

  1. Geht mir vergleichbar genauso. Wozu alles für einen besonderen Anlass aufheben wenn dieser Anlass eh nie kommt. Wozu sich an Dinge krallen, wenn man am Ende doch nackig im Grabe liegt.
    Lebe jetzt und intensiv.

    Mir geht es besser. Besser ist vielleicht nicht das richtige Wort. Es ist einfacher geworden weil ich mir weniger Gedanken mache.

  2. Nicht, dass ich mich jetzt bei der Bodylotion, dem Parfum und den schönen Gläsern ertappt fühlen würde. Nein, wirklich nicht. Sicher nicht.

    *gehtschnellab*

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