#609060

Frau Journelle hat vor einiger Zeit festgestellt, dass sich Mode meistens nicht an “normalen” Menschen orientiert, sondern an den Models, die sie vorführen.  Ich denke mal, jede/r gelangt beim Kleiderkauf mehr oder weniger regelmäßig an seine/ihre nervlichen Grenzen. Was an Kate Moss umwerfend aussieht, sieht an jeder, die ein bisschen Fleisch am Leib hat, gleich unmöglich aus.

Genormte Jeans passen eben nicht an – glücklicherweise – ungenormte Körper. Mein Waschbär ist 2 Meter groß und dünn. Unmöglich, für ihn eine Hose zu kaufen. Entweder, Männer haben klein und dünn oder groß und dick zu sein. Wir wissen das und wissen, welche Marke passt und gehen nur noch sehr selten Experimente ein. Ich habe eine schmale Taille, aber einfach einen Hintern. Da findet man auch sehr selten Hosen, die passen. Der Horror der Kleiderindustrie, durch die jede/r durch muss, der/die sich Maßkleidung nicht leisten kann. Irgendwann findet man etwas, das passt und einem auch gefällt.

Frau Journelle postete, ähnlich wie Frau Mutti schon seit Jahren, ein Foto von sich. Ein “ich bin ein stinknormaler Mensch”-Foto. Und trat damit eine Lawine los. Unter dem Hashtag #609060 “outeten” sich immer mehr vermeintlich stinknormale Menschen ebenfalls mit Foto. Zu keiner Zeit erging der Aufruf, normale Menschen mögen doch bitte Fotos von sich posten. Geschweige denn, dass jemand “normal” durch eine Kleidergröße definiert hätte. Wahrscheinlich war es einfach so, dass viele davon begeistert waren, “echte” Menschen zu sehen und nicht nur immer halbverhungerte Teenager.

Der Mensch ist schon seltsam. Ich bin täglich von Dutzenden Menschen umgeben, aber wenn es um Menschen und Körperformen geht, fallen mir auch immer nur die Models in den Zeitschriften ein. Nun weiß man ja, dass das ein sehr, sehr geringer Prozentsatz der Menschheit ist. Und wenn sich jemand von Wattebäuschchen, O-Saft und Koks ernähren will, nur zu. Die wenigsten dieser ganz eigenen Spezies sieht in meinen Augen beneidenswert aus. Frau Beckham beispielsweise erscheint mir eher weniger viel Spaß am Leben zu haben. Vielleicht ist es meine 2.0-Weltsicht, vielleicht auch das weniger Alltägliche, aber Blogger-, Twitterer- oder Instagram-Fotos von “normalen” Menschen erreichen mich eher, als ein Blick auf meine Freunde, Bekannten oder Kollegen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich in unmittelbarem Kontakt mit Menschen auf vieles achte, aber nicht auf den Körper, wie ich es bei einem Foto zwangsläufig tue?

Nun hat diese in meinen Augen eigentlich sehr schöne Aktion eher unschöne Züge angenommen. Die Leute, die Fotos posten, sind auch wieder eine bestimmte Gruppe. Es hat sich gezeigt, dass hauptsächlich Leute da mitmachen, die unter Kleidergröße 44 bleiben. Und während ich noch darüber nachdenke, warum das wohl so ist und dass es doch ganz erstaunlich ist, wie oft sich jemand von neutralen Dingen oder Aussagen tatsächlich angegriffen fühlt. Ich meine, es steht ganz speziell bei dieser “Aktion” ja jedem frei, mitzumachen. Dennoch postet nur ein Teil seine Fotos und andere fühlen sich dadurch angegriffen. So dachte ich jedenfalls.

Bis ich bei Frau Gröner darauf gestoßen wurde, dass diese Angriffe ganz real sind. Dass es tatsächlich Menschen gibt, die nichts besseres zu tun haben, als andere zu bashen. Mal ganz davon abgesehen, dass sie einfach nur absolut sympathisch rüberkommt – wie auch schon durch ihre Schreibe – ein Foto von sich zu posten heißt ja nicht, man ist total durchgeknallter Masochist und würde gerne von wildfremden beschimpft werden.

Es gibt in meinen Augen zweierlei Dicke. Die, die mir die Medien, ach, sagen wir doch wie es ist: der Menschenzoo RTL, so zeigen und die “da draußen”. Eine sehr gute Bekannte von mir trägt Kleidergröße 48/50. Das ist aber das letzte, das einem bei einer dermaßen gutgelaunten Powerfrau auffällt. Sie ist sehr gepflegt und hat ein Händchen für Mode, für das ich töten würde. Und ganz am Rande: sie verdient nicht wirklich viel, Designklamotten sind das nicht. Und das ist es, das einen “normalen” Menschen in meinen Augen normal sein lässt. Sich pflegen und mit einem Realitätssinn gesegnet sein, der nichts mit falsch geprägten Vorbildern zu tun hat. Im String-Bikini oder in Radlerhosen würde man die Frau nie sehen. Wie übrigens keinen, den ich kenne.

Normalität ist irgendwie ein gewisser Sinn für Realität, was an zaundünnen Teenagern gut aussieht, sieht an einer Frau einfach furchtbar aus, völlig unabhängig von der Kleidergröße. Mein Büro ist im Erdgeschoss und der Platz davor wird von April bis Oktober von vielen Touristen frequentiert. Was man da sieht, grenzt oft an optische Körperverletzung. Ultrabehaarte Männer in kurzen Schlabbershorts und Muscleshirt. Uralte Damen mit blenden weißen, von Krampfadern dick wie Fleischwürste durchzogenen Beinen in kurzen Röckchen. Selbstgefilzte Ökos mit wallendem Achselhaar und biochemischem Kampfwaffen-Körperduft. Für mich ein eindeutiger Fall von mangelnder Selbstwahrnehmung. Alle waren schlank. Keiner sah gut aus. Oder überhaupt so, als würde man ihn/sie gerne anschauen. Ich bin froh, wenn ich sie nicht mehr sehen muss und schüttle eben den Kopf, Fall erledigt. Weil: mich zwingt keiner, so rumzulaufen. Und jede/r soll leben, wie es ihm/ihr gefällt.

Bitte, hört nicht mit #609060 auf. Einfach deshalb, weil es viel mehr solcher Aktionen geben müsste. Nicht wie in der Brigitte, in der normale Frauen nicht nur superdünn und sehr, sehr gutaussehend waren, sondern mein Selbstbewusstsein noch zusätzlich dadurch in die Tonne getreten wurde, dass sie darüber hinaus noch sehr, sehr erfolgreiche Businessladies mit zig Hobbies, riesigem Freundeskreis und selbstverständlich zwei bis drei Musterkindern waren. Dafür eben zwanzig Jahre älter als die üblichen Models.

15 comments

  1. Ein kleiner Nachschlag

    zum Thema Subjektivität. Der Waschbär ist zwar zwei Meter lang, aber nicht gerade dünn. Schließlich wiegt er etwas über 200 Pfund, welche ihn zu einem nicht dünnen Waschbären machen.

    Einen schönen Abend euch allen noch.

  2. Hallo liebe Dompteuse,
    ich habe Dir einen Preis verpasst – weil ich Deinen Blog so gern lese!
    Guckst Du hier: http://gythaswelt.wordpress.com/2012/09/07/ein-dickes-dankeschon/
    Nur zur Info. :-)
    Beste Grüße
    Frau Spätlese

  3. [...] mit der Normalitätsdiskussion aufeinander und wünscht sich, dass noch lange Bilder mit #609060 getagged [...]

  4. Leider ist diese absolute Modevorgabe der Industrie so brutal in den Köpfen eingeprägt, dass man sich selber manchmal erwischt, wie man einfach nur ‘oje’ denkt. Mir hilft es immer, dann an meine Lieblingsnachbarin zu denken, die auch ein paar Kleidergrößen über mir liegt – die aber das Beste ist, was mir als Nachbarin passieren konnte.
    Scheiß Normierung!
    (Und ich war natürlich so eitel, auf meinem #609060-Foto den Bauch einzuziehen. Ich konnte nicht aus meiner Idiotie heraus . . . :-(
    Liebe Grüße und danke für den Post!
    Frau Spätlese

    • Das geht glaube ich jeden so. Ist ja auch logisch, wenn ich in der Badewanne eine Hochglanzzeitschrift lese, mag ich danach auch nicht in den Spiegel sehen. Und so ein bisschen Eitelkeit ist ja auch ganz nett. Schlimm wird es nur, wenn man dann total drauf fixiert ist, dass man nicht mehr wie ein 13jähriger Teenie aussieht und deshalb das Leben vergisst…

  5. 1. Gerne gelesen

    2. Ein Beispiel aus der Praxis:
    Es ist kein Geheimnis, dass ich ebenfalls irgendwo bei Größe 48/50 unterwegs bin, und auch keines, dass ich gerne bei Ulla Popken einkaufe, weil ich mag, dass mir die Kleidungsstücke lang genug sind und sich aus den Basics eine wirklich gute Grundgarderobe zusammenstellen lässt.
    Neulich nun tauchte unter meinem Manner/Niemetz-Beitrag ein anonymer Kommentar auf, wonach “es kein Wunder ist, dass ich mir nur mehr Kleidung bei Ulla Popken, dem H&M für Dicke, leisten kann, wenn ich schließlich immer nur ans Essen denke”.

    Sympathisch, nicht wahr ?

    • Dankeschön!

      Das darf doch nicht wahr sein!?! Es gibt Menschen, das glaubt man nicht! Wirklich, wirklich übel. Unglaublich, was manche für Hobbies haben… Einfach nur löschen. Und ich hoffe sehr, dass das nicht im Hinterkopf hängen bleibt!

      • Vor zwanzig Jahren hätte der Giftpfeil mittig getroffen, einfach nur wegen seiner absolut untergriffigen Art; heute denke ich zuerst logisch “das stimmt ja sowieso hinten und vorne nicht”. Was hängen bleibt, ist die etwas beunruhigende Frage, wieviele Soziopathen wohl da draußen untherapiert herumlaufen.

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